Schleicht die Werbung in Y-Titty-Videos?

Fragwürdige Aufregung

Der vom ARD-Magazin „Report Mainz“ ins Rollen gebrachte mut­maß­li­che Fall von Schleichwerbung in YouTube-Videos von Y-Titty hat einige Resonanz in den tra­di­tio­nel­len Medien erzeugt: Tenor: "Seht mal, was die da im Web machen, das geht doch nicht, das dür­fen wir doch auch nicht." Hallo? Der euro­päi­sche Gesetzgeber hat im Jahr 2007 eine Richtlinie erlas­sen, die im April 2011 durch eine Novelle des Rundfunkstaatsvertrages in deut­sches Recht umge­setzt wurde.

Diese Rechtslage erlaubt es dem „alten“, dem linea­ren TV, unter bestimm­ten Bedingungen (vor allem durch Kennzeichnung) Produkte in das redak­tio­nelle Programmumfeld zu inte­grie­ren. Einer der Hintergründe für diese Richtlinie war die Tatsache, dass es im Fernsehen (auch im deut­schen öffentlich-rechtlichen TV; „Wetten, dass..?“ lässt grü­ßen) seit Jahrzehnten Produktplatzierungen gab.

Die Medienregulierung hat nur lega­li­siert, was ohne­hin schon Praxis war. Sowohl der euro­päi­sche als auch der deut­sche Gesetzgeber (das sind die medi­en­kom­pe­ten­ten Politiker in den Parlamenten) waren aber wohl der Ansicht, dass es nicht not­wen­dig sei, für das „Nischenmedium“ Web einen ent­spre­chen­den recht­li­chen Rahmen zu schaf­fen. Also fest­zu­le­gen, wie denn eine Kennzeichnung von Produktplatzierung im Web aus­zu­se­hen habe.

Wir bedan­ken uns bei Coke

Nun haben also die Jungs von Y-Titty das auf ihre Weise gere­gelt und am Ende des Videos laut und deut­lich gesagt: „Wir bedan­ken uns bei Coke“. Na, das ist doch mal eine Kennzeichnung, die der Zuschauer wirk­lich wahr­nimmt und nicht nur ein win­zi­ger Text im Abspann. Also, was soll die Aufregung? Es gibt unend­lich viele Videos im Web, in der die Werbung wirk­lich schleicht, hier hin­ge­gen ist sie klar erkennbar.

Fehlende Sachkompetenz

Wer klärt denn nun, ob das rech­tens ist mit der Coke? Es ist nicht zu glau­ben, aber wohl wahr: Zuständig ist in die­sem Fall die „Bezirksregierung Mittelfranken“! Also da wird es jetzt rich­tig brenz­lig für den Web-Vermarkter „Mediakraft“, der betreut nicht nur Y-Titty, son­dern eine rie­sige Anzahl von YouTube-Channels deut­scher Protagonisten, in denen es von Produkten nur so wimmelt.

Wenn der Politik in Deutschland das Web und die dort ver­brei­te­ten Inhalte wirk­lich wich­tig wären, dann wäre die minis­te­ri­elle Zuständigkeit für das „Internet“ nicht beim Verkehrsminister gelan­det und die Bezirksregierung Mittelfranken könnte sich aus­schließ­lich um Angelegenheiten küm­mern, von denen sie (hof­fent­lich) etwas ver­steht. Die Politik meint übri­gens immer noch, das Internet und das Web wären ein und das­selbe. So ist es aber nicht, das eine ist Netztechnik, das andere Content und Kommunikation.

Einheitlicher Rechtsrahmen fehlt

Wir brau­chen end­lich eine Netzpolitik, die von Personen gemacht wird, die über ein Mindestmaß an Webkompetenz ver­fügt. Dann würde end­lich Schluss sein mit der Vorstellung, audio­vi­su­elle Inhalte im TV und im Web seien etwas völ­lig ande­res. Der Gesetzgeber, ob in Brüssel oder natio­nal, muss end­lich einen Rechtsrahmen schaf­fen, der die Relevanz und Reichweite audio­vi­su­el­len Webcontents berück­sich­tigt und TV und Web gleich behan­delt. Keine Angst, Y-Titty, ihr könnt trotz­dem wei­ter machen: Der ein­zige, der euch jemals regu­lie­ren (=nicht mehr kli­cken) wird, sind eure Zuschauer. Es gibt nun wirk­lich andere Videos im Web, bei denen sich Aufregung lohnt.

Helmut Volpers

Der Autor hat zahl­rei­che Untersuchungen zur Werbung im TV durch­ge­führt. U.a.: Trennung von Werbung und Programm im Fernsehen. Zuschauerwahrnehmung und Regulierungsoptionen. Berlin 2009.